Das Leben und Wirken des

Oberndorfer Dorfschullehrers

Christian Gottfried Fiedler

Die Herausgabe erfolgt anlässlich der 100-jährigen

Wiederkehr der Einweihung der letzten Schule in

Oberndorf am 13.11.1908 und im Gedenken an den

vor über 200 Jahren geborenen beliebten Kantors

 

 

 

Nach Aufzeichnungen vom Pfarrer Karl Hertwig,

evangelisches Pfarramt Sulzbach 1940

bearbeitet von Wolfgang Winter

 

Vorbemerkungen

Am 14. August 1940 besichtigte der Pfarrer Karl Hertwig das nicht mehr bewohnte „Alte Haus" in Oberndorf, oberhalb der heutigen Wendeschleife am Wiegendorfer Weg.

Anlass war das Interesse des Pfarrers an der Vergangenheit und im Hinblick auf die am 15. August anberaumte Feuerwehrübung des Totalwerkes Apolda zur Wirksamkeit seiner Feuerlöschmittel. Gleichzeitig sollte ein Reklamefilm gedreht werden. Diese letzte Gelegenheit nutzte Karl Hertwig um das alte Gebäude eingehend zu besichtigen.

Das alte Haus wurde allerdings auf Grund eines ergangenen Verbotes nicht angezündet. Es sollte nach Aussagen des damaligen zuständigen Baurates erhalten bleiben und ausgebaut werden. Ende der 60er Jahre wurde es jedoch abgerissen.

 

Schilderung des Pfarrers Karl Hertwig:

„Das Haus ist ganz aus Lehm und Holz erbaut worden; nur der Hauseingang ist kunstvoll aus Sandstein gehauen. Auch das unkundige Auge erkennt, dass diese massive Türeinfassung nicht für dieses Haus geschaffen sein kann, sondern dass es sich hier ganz offensichtlich um ein altes gotisches Kirchenportal handelt. So wie beim Verlassen des längst untergegangenen Nachbarortes Dieterstedt die Glocken voreinst dort gestandenen Kirchleins nach Oberndorf geschafft wurden, so hat auch beim Verfall des Gotteshauses das alte, schöne gotische Kirchenportal seinen Weg nach Oberndorf angetreten und dort beim Bau eines Privathauses Verwendung gefunden. Im Inneren des alten Hauses verdient lediglich der kunstvoll behauene Balken Beachtung, der die altdeutsche Holzdecke des ursprünglichen Wohnraumes trägt. Dieser Tragbalken gibt Zeugnis von dem handwerklichen Können unserer Vorfahren, die mit Axt wohl umzugehen wussten. Beim Abstieg vom Dachboden des Hauses fiel mein Blick auf einen Schutthaufen, der von einem in Höhe des Treppenabsatzes befindlichen Loch in der westlichen Außenwand herzurühren schien. Bei näherem Hinsehen stellte sich nun heraus, dass hier mit Lehm und Staub vermischt ein Berg offensichtlich achtlos bei Seite geworfener Hefte und Zettel lag. Der Schrift und dem Papier nach zu urteilen mussten diese hand-schriftlichen Aufzeichnungen alle älteren Datums sein. Außer der von Außen eingedrungenen Nässe waren hier allerdings auch die Mäuse am Werke gewesen und hatten zum Teil schon eine gründliche Zerstörungsarbeit geleistet. – Ich hätte nun diesen verschmutzten und vermoderten Papieren keine weitere Bedeutung beigemessen, wenn ich nicht auf einem der Hefte den Namen „Fiedler" gelesen hätte. Christian Gottfried (gewöhnlich genannt Christian Friedrich) Fiedler ist doch einer der alten Oberndorfer Kantoren gewesen; aus Oberndorf gebürtig war. Diese Umstand bewog mich alle einigermaßen noch leserlichen Papiere aus dem Schmutz herauszulesen und zum Zwecke der genaueren Untersuchung mitzunehmen.

Nach einer gründlichen Säuberung stellte sich nun heraus, dass es sich bei den meisten diese handschriftlichen Aufzeichnungen um Arbeiten handelt, die gewissermaßen das geistige Erbe des eben genannten Oberndorfer Schullehrers darstellen."

Eintrag im Oberndorfer Kirchenbuch:

„1797 am vierten Dezember Vormittags um 9 Uhr ist Mstr. Johann Andreas Fiedlers, Nachbar und Einwohners zu Oberndorf auch Mäurer daselbst Ehefrau, Maria Rebecca geb. Mattheyin mit einem Söhnlein entbunden worden, welches den 6ten darauf getauft wurde und den Namen

Christian Gottfried

erhalten hat."

Über Kantor Fiedlers Kindheits- und Jugendschicksale berichtet eine sich im Kultusarchiv zu Weimar befindliche Lebensbeschreibung, die er anlässlich seiner im Jahre 1820 erfolgten Berufung nach Oberndorf eingereicht hat.

 

„Lebensbeschreibung von Christian Friedrich Fiedler aus Oberndorf, den 20. Dez.1820

Mein Vater war ein Maurer und hatte das Unglück zwei Gehilfinnen kurz nach der Verbindung durch den Tod zu verlieren. Mit der dritten zeugte er zwei Söhne, von denen ich der jüngste bin. Von Jugend auf hatte ich den Wunsch in mir, und es war auch meiner Eltern, vorzüglich meines Vaters Wunsch, einst ein Schullehrer zu werden. Als ich unter der strengen Aufsicht meines Vaters das 7te Jahr erreicht hatte, bekam ich von ungefähr einen geschwollenen Fuß, der endlich so gefährlich war, dass der Arzt mir keinen anderen Trost gab, als meinen Fuß abzunehmen und mich mit einem hölzernen zu versehen. Die rührte das liebende Herz meines Vaters aufs äußerste. Aus seinem Kinde einen so gebrechlichen und verstümmelten Menschen machen zu lassen, die brachte ihn der Verzweiflung nahe. Der Arzt machte es ihm mit einem so kalten Herzen bekannt, dass er alles Zutrauen zu ihm verlor. Im Vertrauen auf Gott erkundigte er sich nun nach einem anderen Helfer, der ihn auch der Allgütige bald finden ließ. Vom Untergange war nun mein Fuß bald gerettet, aber dennoch musste ich ein ganzes Jahr das Krankenlager hüten, denn mein Fuß hatte 5 Wunden. Die rastlose Sorge und Mühe meines teuren Vaters, mich als einen gesunden Menschen wiederherzustellen, ließ der Allbarmherzige gedeihen, denn nachdem ich lange genug gelitten hatte, half mir Gott. – Kurz darauf nahm die Plünderung ihren Anfang (1806!), die die ganze Wirtschaft meiner Eltern zerrüttete und meinen lieben Vater seine Gesundheit raubte. Als der Donner der Kanonen auf ihn stürmte und er unter lauter Angst und Schrecken das Seinige in Sicherheit zu bringen suchte, ward er auf einmal vom Schlage gerührt, so dass er nicht aufrecht gehen konnte, sondern auf Händen und Füßen in die Stube kriechen musste. Wie traurig und schrecklich in dieser stürmischen Zeit der Anblick für uns war, lässt sich nur fühlen, aber nicht beschreiben. Um nicht von den rohen Kriegern ergriffen zu werden, flüchteten wir; mein Vater, der sich aber wieder in einen leidlichen Zustand versetzt fand, blieb zu Hause und erduldete alles Ungemach. Nach diesem Falle war er äußerlich geschwächt an Kräften und immer zitterten seine Hände. Dennoch suchte er seine Familie durch fortgesetzte Betreibung seines Handwerkes zu ernähren.

Als ich konfirmiert war, tat mich mein Vater nach Weimar auf das Gymnasium, wo ich mich auf mein künftiges Amt vorbereitete. Schwer wurde meinen Eltern dieser Schritt in Rücksicht des Äußerlichen, aber die Liebe für mich, die ihnen freilich manche Tränen auspresste, überwand alles. So hatte ich 2 ½ Jahre in Weimar zurückgelegt, als das Nervenfiber in der umliegenden Gegend zu herrschen anfing, welches mir Vater und Bruder binnen 8 Tagen raubte, und mich und meine Mutter auch an den Rand des Grabes brachte. Doch Gott rettete uns vor dem Tode, nachdem wir ¼ Jahr bettlägerig gewesen waren. Nun empfand ich erst die traurige Lage, in der ich jetzt war, denn die väterliche Stütze war mir geraubt. Nach dem ich lange mit mir gestritten hatte, beschloss ich endlich mein angefangenes Geschäft fortzusetzen. Bei meiner Ankunft im väterlichen Hause begrüßten mich sonst Vater und Bruder herzlich. Beide hatten jetzt hier auf immer Abschied von mir genommen. Meine teuere Mutter begleitete mich mit Tränen und ging dann tief gebeugt an den traurigen Erinnerungsort zurück. – Ich fand bald edle Menschenfreunde, die sich meiner annahmen. Den ersten Vater hatte ich verloren, aber an dem Herrn Legationsrat Fall fand ich einen 2ten Vater, der es recht herzlich gut mit mir meinte. Er stärkte nicht bloß den Leib, sondern auch die Seele. Vor einigen Jahren litt ich an Brustschmerzen, die mich so schwächten, dass ich an meinem Leben zweifelte. Doch die väterliche Sorge des Herrn Legationsrats Falls rettete mich auch diesmal mit Gottes Hilfe. Jetzt hat mich das Vaterland gerufen, und zwar soll ich wirken in dem Orte, wo ich geboren und erzogen wurde. Ich danke Gott für diese Gnade, in dem ich nun Gelegenheit habe, mich meiner lieben Mutter durch Pflege in ihrem Alter dankbar zu erweisen.

 

Bis hierher halfst du mir mein Gott!

Du halfst mir aus so mancher Not,

Und o, wie viel ward abgewandt

Was ich noch nie oder spät erkannt.

Drum wart ich ferner auf dein Heil

Ein gut Gewissen sei mein Teil

Das hier des Himmels Vorgeschmack ist

Und einst mein Ende mir versüßt."

 

 

Außer dem eigenhändig geschriebenen Lebenslauf vom Jahre 1820 befindet sich im Kultusarchiv zu Weimar ein Zeugnis des damaligen Inspektors des dortigen Lehrerseminars.

 

Zeugnis, Weimar 26.11.1820 von Karl Friedrich Horn, Inspektor des Seminars

Christian Friedrich Fiedler aus Oberndorf, seit Michaelis 1814 Zögling des hiesigen Landschullehrerseminars hat, ohne vorzügliche Fähigkeiten zu besitzen, durch Fleiß und wohlgesittetes, ernstliches Beitragen, sich die Liebe seiner Lehrer verdient. Er ist zur Führung eines Schulamtes gehörig vorbereitet, und ich habe alle Ursache zu hoffen, dass er sich als braver Schulmann auszeichnen und in einer Gemeinde viel Nutzen stiften werde.

 

Auszug aus dem Falk-Jahresbericht zur Sonntagsschule in Weimar von 1817

„.....176. Fiedler, aus Oberndorf, Seminarist. Scharfer, eifriger, jedoch dabei liebender Ernst; unermüdeter guter Wille, von Betragen still, fromm und fast schüchtern. Es führt derselbe den kleinen Netz aus Jena, der ebenfalls ein Landschullehrer zu werden gedenkt und bey ihm wohnt, mit anscheinend guten Erfolg. Schöning, den älteren, diesen Halbwilden, aus Jena gebürtig, bereitete Fiedler im vergangenen Jahr zur öffentlichen Einsegnung vor....."

In diesem Bericht wird nun die assoziale Lebensweise dieses im Raum Jena lebenden Schöning dargestellt und fährt fort:

„... Schöning kannte fast keinen Buchstaben, als wir vor zwey Jahren zu seiner Menschwerdung in unserer Anstalt den ersten Versuch einleiteten. Daß er jetzt fertig in der Bibel liest, verdankt er blos des braven Fiedlers treufleißigem, unermüdetem Unterricht."

 

Familie Fiedler

Nachdem Chr. Friedrich Fiedler in seinem Heimatdorf Kantor und Schullehrer geworden war, hat er sich auch ein Oberndorfer Mädchen zur Frau genommen. Er verheiratete sich am 30. Juni 1825 mit „Jungfer Maria Rosina Johannette Heidelmann, Mstr. Joh. Chr. Heidelmanns, hies. N. u. E. wie auch Eigenthumsmüllers ehel. ältesten Tochter." (lt. Kirchenbucheintrag!)

Die Oberndorfer Müllerstochter Johannette Heidelmann schenkte als Lehrersfrau ihrem Ehegemahl 5 Kinder (4 Töchter und 1 Sohn), die mit ziemlichen stand voneinander in einem Zeitraum von 17 Jahren geboren wurden. Als das Ehepaar Fiedler das einzige Söhnlein im Alter von zwei Jahren verlor, war der Name Fiedler in Oberndorf zum Aussterben verurteilt. Auch das Jüngste ist im Jahre 1846 noch vor Vollendung seines dritten Lebensjahres verstorben. Wenige Wochen danach starb auch die Mutter an Abzehrung (oder wie von anderer Hand hinzugefügt wurde an Nervenfieber). Die älteste Tochter des Kantor Fiedlers war damals 20, die Mittlere 15 und die Jüngste 5 Jahre alt.

Kantor Fiedlers älteste Tochter Pauline Adolphine hat sich am 25. Januar 1848 mit dem Schwabsdorfer Einwohner Gustav Ferdinand Eduard Spozh (oder Spoth) verheiratet.

Über die Verheiratung der anderen beiden Töchter gibt das Oberndorfer Kirchenbuch keine Auskunft. Unter dem im „Alten Hause" aufgefundenen Papieren fanden sich die Bruchstücke eines Briefes, der darauf schließen lässt, dass eine der Töchter durch einen Vieselbacher Einwohner für seinen Freund um die Hand anhielt. Dieser Antrag hatte aber wahrscheinlich nicht den erhofften Erfolg. Damit stirbt der Name Fiedler in Oberndorf endgültig aus.

Nachdem in diesem Kapitel die persönlichen Verhältnisse des Kantors Fiedler dargelegt wurden, wird nun von der Stätte seines Wirkens, der Oberndorfer „neuen Schule" aus der Chronik berichtet. Im Jahre 1820 hatte Fiedler sein Amt als Schullehrer in Oberndorf angetreten.

 

 

Die neue Oberndorfer Schule

Bericht der Chronik

 

Am 19. Oktober 1826 wurde die zu Oberndorf von Grund aus neuerbaute Schule (diese Schule ist der Vorgänger des heutigen 100-jährigen Schulgebäudes ), zu deren Erbauung die Kirche und Gemeinde die nötigen Mittel gegeben hatten, feierlich eingeweiht. Die ganze Gemeinde nahm den Anteil an dieser Feier. Sie hatte sich mir ihrem Geistlichen Christof Ernst Wendel (von 1820 bis 1863 Gemeindepfarrer) auf den Ruf der Glocken vor der eigentümlichen Wohnung des Kantors Fiedler, wo dieser während des Baues Unterricht erteilt hatte (im „Alten Hause!?"), versammelt, wo nach Absingen einiger Liederverse, wenige auf Zeit und Ort sich beziehende Worte von den Geistlichen gesprochen wurden. Mit dem Liede: „Ich will mit danken kommen in der Gemeinde Rath" – begab sich sodann der Zug, dem sich auch die beiden Gemeinden Sulzbach und Herressen angeschlossen hatten, unter Glockengeläut in die Kirche. Alt und Jung, die Schuljugend, mit Kränzen und Bändern festlich geschmückt, waren dem Prediger und Lehrer paarweise bis dahin gefolgt. Hier wurde nach einer von dem Kantor aufgeführten Musik, noch eine kurze dem Tag entsprechende Rede und nach dem letzten Verse des Liedes „Nun danket alle Gott" der Segen gesprochen. Bei der im neuen Lehrlokal stattgefundenen Feier waren die Kinder mit ihrem Lehrer, dem Vorstand und gerade soviel von anderen Erwachsenen zugegen, als dasselbe fassen konnte. – Der Schuljugend war den Sonntag Nach-mittag auf Kosten der Gemeinde ein kleines Fest bereitet, an welchen auch die Eltern teil nahmen. Alles hielt sich in den Schranken der Ordnung.

 

Die Chronik fährt fort:

Das neue Schulgebäude nun selbst anlangend (so vorteilhaft sich dasselbe von dem alten durch sein gefälliges Äußere unterscheidet), so hätte es doch in seinem Innern zweckmäßiger eingerichtet sein können. Das Lehrzimmer ist, mit Bewilligung des damaligen Landraths von Lynker – welch ein Übelstand! nicht unten sonder oben. Der Lehrer hat in dem unteren Theile desselben neben einem sehr engen Hausraum – die große breite Treppe nimmt die Hälfte der Hausflur ein – eine ebenso enge wie beschränkte Wohnstube erhalten, der man sogar keine Kammer anzufügen für gut befunden hat. In dieser und der Hinsicht noch andere Mängel ist dieser so nöthige Schulbau mit wenig Harmonie begonnen und vollendet worden.

 

Oberndorf hatte also im Jahre 1826 eine neue Schule erhalten, die die neue Wirkungsstätte Kantor Fiedlers wurde.

Dass man keinen Wert darauf gelegt hatte eine anständige Lehrerwohnung zu bauen mag mit daran gelegen haben, dass Kantor Fiedler ja seine „eigenthümliche Wohnung" hatte, die doch so geräumig war, dass er dort sogar während des Schulneubaues die Schulkinder unterrichten konnte.

In den aufgefundenen Schriften Fiedlers tritt nun dieser Mann in erster Linie als das was er war, nämlich als Lehrer und Erzieher auf.

Die Schulprüfungen vor 200 Jahren

Mit großer Gewissenhaftigkeit hat Kantor Fiedler seine Schulexamina vorbereitet. Die im Frühjahr (Palmarum) und Herbst stattgefundenen Schul- und „Ernte-Examen" waren nicht nur für die Schulkinder ein Ereignis, sondern die ganze Gemeinde nahm daran lebhaften Anteil. Öffentliche Schulprüfungen, wie sie früher in den Weimarischen Landen gehandhabt wurden, gingen auf eine Verordnung vom 26. Juli 1804 zurück. Es heißt darin, dass auf dem Lande ebenso wie in den Städten jährlich ein öffentliches Schulexamen vor angehenden Ernte-Ferien in dem Maße gehalten werden soll, dass

 

1.   Die öffentlichen Prüfung entweder in der Kirche Sonntags nach geendigtem

      Nachmittags Gottesdienst, oder wo solches wegen den Filialen nicht

      thunlich sein sollte, an einem beliebigen Wochentage im Beisein der

      Obrigkeit, der Gerichtspersonen und Gemeinde Vorsteher des Ortes

      geschehe, welcher Tag Sonntags vorher von den Kanzeln bekannt zu

      machen und die Gemeinde dazu einzuladen ist.

2.   Das Examen vom Pastor mit einer kurzen Rede eröffnet werde, worauf

      sämtliche dies Jahr getriebene Lectiones theils vom Schuldienen (Lehrer)

      theils vom Pastor durchgegangen und die Schreib- und Rechenbücher

      öffentlich vorgezeigt werden.

3.   Die Schultabellen mit Bemerkung der von jedem Kinde versäumten Schulen

      (Schultage) jeden Anwesenden vorgelegt werden, zur Rechtfertigung des

      Lehrers und zur Beschämung der nachlässigen Eltern.

4.   Jedem Kinde seine Censur öffentlich ertheilt und hierauf die Handlung mit

      einem guten Wunsch beschlossen werde.

5.   Der Pastor hat über das Examen unter Beifügung der Schultabellen zu

      berichten. In jedem Orte soll ein Fonds vorhanden sein, daraus den

      fleißigsten Schulkindern Prämien gegeben werden können.

 

 

Dass dieses „Ernte-Examen" der vergangenen Jahrhunderte ein wichtiges Ereignis für Schule und Gemeinde gewesen ist, davon geben die Berichte aus jener Zeit Kunde. Aber auch die Katechisationen (Auslegung von Abschnitten aus Bibel und Katechismus) Kantor Fiedlers beweisen es nachdrücklich.

In unseren Gemeinden fanden zu Zeiten des Kantor Fiedlers zwei öffentliche Schulprüfungen statt, denn die „Hauptschulprüfung" zu Ostern wurde auch beibehalten. Unter den in Oberndorf aufgefundenen Schriften Kantor Fiedlers nehmen die „Katechisationen" (d.h. die Ausarbeitung eine biblischen Besprechung mit den Schulkindern) einen großen Raum ein. Diese Katechisationen wurden jeweils für die Schulprüfungen vom Lehrer ausgearbeitet. Es handelte sich hier um einzelne Hefte, die Kantor Fiedler für die Schulprüfungen im Frühjahr (Hauptschulexamen) und im Herbst (Ernte-Examen) in Oberndorf erarbeitet und gehalten hat. Sie befanden sich noch in einigermaßen leserlichen Zustand und erstreckten sich über einen Zeitraum von insgesamt 30 Jahren (1830 bis 1860).

Diese Katechisationen beinhalteten Besprechungen über Bibelworte, Stücke aus dem Katechismus oder auch Sprichwörter, die nicht nur seinen Christenglauben widerspiegelten, sondern auch zugleich Einblicke in die sittlich-religiösen Verhältnisse in unseren Gemeinden gaben.

 

Nachfolgend einige Themen seiner Hefte:

 

1. Examen zum 300-jährigen Jubiläum der Augsburgischen

    Konfession                                         1830

2. Catechisation über den Bibelausspruch: Kauft man

    nicht zween Sperlinge ...                     1830

3. Cat. über den Spruch: Selig sind, die reines Herzens sind,

    denn sie werden Gott schauen.             1831

4. Cat. über die Ungenügsamkeit              1833

5. Cat. über Matthäus: Kommt zu mir alle, die ihr mühselig

    und beladen seid.                                1838

6. Cat. über das Siebente Gebot               1851

7. Cat. über den christlichen Glauben        1853

8. Cat. über die 2th Bitte                          1856

9. Cat. zur Hauptschulprüfung                   1859

10. Cat. zur Konfirmation                          1860

 

 

Schlussbemerkungen

 

Das „neue Schulgebäude" vom Baujahr 1826 entsprach von Beginn an nicht den Erfordernissen einer Landschule. Die Zimmer waren klein, die Gänge winkelig, so dass es Ende des 19. Jahrhunderts Überlegungen gab, eine neue Schule an gleicher Stelle des „neuen Schulgebäudes" zu erbauen. Die Oberndorfer Schule wurde in den Jahren 1905 bis 1907 erbaut. Die Jahreszahl der Fertigstellung ist über dem Haupteingang ersichtlich, obwohl die Einweihung erst ein Jahr später, am 13.11.1908, also vor 100 Jahren, erfolgte.

Die Kinder des Ortes, von der 1. bis zur 8. Klasse gingen alle zusammen in einen Klassenraum und hatten einen gemeinsamen Klassenlehrer.

Nach 1945 wurden die Klassen aufgeteilt und für die Schüler der Klassen 1 bis 4 vorgesehen. Die älteren besuchten die Schule in Sulzbach und Herressen. Mit dem Neubau der Schule 1979 in Sulzbach endete der Schulbetrieb endgültig in Oberndorf. Alle Kinder der Orte Herressen, Sulzbach, Oberndorf und Kapellendorf besuchten diese neue Einrichtung. Die Oberndorfer Schule wurde 1984 um- und ausgebaut und noch eine zusätzliche Wohnung geschaffen. Nach der Eingliederung der Orte Herressen, Sulzbach und Oberndorf nach Apolda am 6.Mai 1993 wurde das Gebäude von der Wohnungsgenossenschaft Apolda übernommen.